Bischof geschlagen und verhaftet, Interv.

Indien

Am 11. Dezember 2013 nahm Erzbischof Anil Couto von Delhi an einem großen Protestmarch in Indiens Hauptstadt teil, bei dem die Demonstranten gleiche Rechte für Christen und Muslime der unteren Kaste, die auch Dalits oder „Unberührbare“ genannt werden, forderten. Sie machen mehr als 65 % der 27 Millionen Christen Indiens aus. Als sich die friedlichen Demonstranten der Hauptstraße näherten, wurden sie Opfer brutaler Übergriffe der Polizei. Zahlreiche Demonstranten, darunter auch Priester und Nonnen, wurden geschlagen und mit Wasserwerfern mit schmutzigem Wasser beschossen. Erzbischof Couto, der Seite an Seite mit anderen hohen katholischen Würdenträgern des Landes sowie gemeinsam mit führenden Vertretern von Protestanten und Muslime an dem Protestmarsch teilnahm, war einer von mehr als 400 Demonstranten, die von der Polizei verhaftet wurden.

Erzbischof Couto im Gespräch mit dem katholischen Hilfswerk Kirche in Not

Was war der Grund für die Proteste genau zu diesem Zeitpunkt?

Wir demonstrieren seit vielen Jahren regelmäßig für gleiche Rechte von Christen und Muslime. Der 10. Dezember war überdies der UN-Menschenrechtstag. Zu dieser Zeit kommt außerdem das indische Parlament zu seiner Wintersitzung zusammen. Wir hofften also, dass die Regierung und einige politische Führer, die mit unserem Anliegen sympathisieren, auf uns aufmerksam werden würden, damit das Thema im Parlament zur Sprache käme und auf diese Weise Druck auf die Regierung ausgeübt würde.

Wie erklären Sie sich die äußerst aggressive Reaktion der Behörden auf Ihren Protest? Zum ersten Mal seit mehr als 15 Jahren wurde so viel Gewalt angewandt, um die Proteste christlicher und muslimischer Dalits niederzuwerfen.

Die Aggressionen auf Seiten der Regierung resultierten aus der Tatsache, dass wir die Sicherheitsabsperrung vor dem Parlament durchbrochen haben. Die Proteste jenseits dieser Absperrung wurden von der Polizei mit Knüppeln und Wasserwerfern bekämpft. Wenn wir unsere Demonstration fortgesetzt hätten, hätte die Polizei möglicherweise zu noch härteren Mitteln gegriffen. Aber wir hatten den Eindruck, dass wir diesen Vorstoß wagen mussten, um die erforderliche Aufmerksamkeit zu erhalten. Wir mussten eine drastische Maßnahme wählen, auch wenn wir damit gegen Gesetze verstoßen haben. Dieses Risiko mussten wir einfach eingehen.

Welche Bedeutung kommt der Tatsache zu, dass Christen und Muslime in dieser Sache Seite an Seite kämpfen? Könnte dies positive Auswirkungen auf Muslime und Christen in Indien und Pakistan oder beispielsweise auch im Nahen Osten haben?

Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Auswirkungen unsere gemeinsamen Anstrengungen außerhalb von Indien möglicherweise haben. In Pakistan sind Christen nur eine kleine Gemeinschaft, die sich vielen fanatischen Gruppen gegenübersieht. Natürlich hoffe ich, dass diese Beziehung zwischen Christen und Muslime in Indien positive Auswirkungen auch außerhalb unseres Landes haben wird. Aber hier sind natürlich Christen als auch Muslime eine Minderheit, die diskriminiert wird. Das macht diese ganz spezielle Situation aus, in der wir gute Beziehungen miteinander pflegen.

1950 wurden hinduistischen Dalits Rechte eingeräumt, die in der Folge auch Buddhisten und Sikhs erhielten. Welche Erklärung haben Sie dafür, dass sich so viele aufeinanderfolgende indische Regierungen immer wieder geweigert haben, christlichen und muslimischen Dalits Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?

Diese Weigerung resultiert aus der Hindutva-Ideologie, nach der Indien streng nach hinduistischen Regeln ausgerichtet sein muss und letztendlich ein theokratischer Hindu-Staat werden soll. Man propagiert die Ansicht, dass der Islam und das Christentum von außen in das Land gekommen sind und dass diese Religionen nicht aus Indien stammen. Anhänger von Glaubensrichtungen, die in Indien beheimatet sind wie Sikhs, Jains und Buddhisten werden in Indien in viel stärkerem Maße toleriert. Die Diskriminierung von Christen resultiert vor allem aus der Furcht, dass, wenn christlichen Dalits Rechte eingeräumt werden, viele hinduistische Dalits zum Christentum konvertieren könnten. Genau dies befürchten die rechtsgerichteten nationalistischen Hindu-Parteien.

Gibt es etwas, was den christlichen Glauben so einzigartig macht?

Ja, der christliche Glaube hält auf eine bestimmte Weise die Würde des Menschen aufrecht. Aus der Beziehung zu Christus und dem Evangelium ergibt sich eine große Kraft und Stärke. Der Herr ist für uns gestorben! Durch sein Opfer wurden wir errettet! Neben geistiger Nahrung bieten die christlichen Kirchen große Leistungen im gesellschaftlichen Bereich an und arbeiten unermüdlich für soziale und politische Reformen. Dies ist äußerst attraktiv für die Menschen – und genau aus diesem Grund haben rechtsgerichtete Hindu-Splitterparteien Angst, dass ein großer Exodus vom Hinduismus hin zum Christentum einsetzen könnte.

Es wurde verschiedentlich berichtet, dass einige christliche Dalits, obwohl sie ihren Glauben für sich persönlich praktizierten, sich in der Öffentlichkeit als Hindus ausgaben, um von staatlichen Leistungen zu profitieren? Stellt das für Sie ein großes Problem dar?

Die Situation ist ungerecht: Christen werden ihre verfassungsmäßig garantierten Rechte aberkannt und auf diese Weise kann man Gesetze umgehen. Allerdings sind mir nicht viele Personen bekannt, die dies tun. Es gibt viele Menschen, die für ihren Glauben eintreten und deshalb bewusst wirtschaftliche und soziale Nachteile in Kauf nehmen.

Am 12. Dezember hatten Sie sowie weitere christliche Führer die Möglichkeit eines Treffens mit dem indischen Premierminister Manmohan Singh. Welche Ergebnisse hatten die Gespräche mit ihm?

Wir hatten nur 10 Minuten Zeit, um mit ihm zu sprechen, aber die Gespräche haben uns Mut gemacht. Als wir ihn über die Schläge und die Gewalt der Polizei in Kenntnis setzen, erwiderte er: „Das tut mir sehr leid.“ Er versicherte der Delegation, dass er die Angelegenheit in seinem Kabinett zur Sprache bringen wird und dass sich zudem dafür einsetzen wird, dass sie auch im Parlament angesprochen wird. Das Thema ist derzeit beim Obersten Gerichtshof anhängig, der darauf wartet, ob die Regierung es befürwortet oder ablehnt, christlichen und muslimischen Minderheiten Rechte einzuräumen. Der Gerichtshof handelt gemäß der Empfehlung eines Sonderausschusses, der sich Ragunath Mishra-Ausschuss nennt und in diesem Zusammenhang von der Regierung eingesetzt wurde. Der Ausschuss hat die Regierung vor vier Jahren gedrängt, dass positive Maßnahmen unabhängig von Religionszugehörigkeiten ergriffen werden sollten. Unsere Frage an die Regierung ist, warum der Oberste Gerichtshof von ihr bislang weder eine positive noch eine negative Antwort erhalten hat. Die Führung des Landes schweigt einfach zu dem Thema. Aber sie muss handeln!

Welche Meinung haben Sie zu Narandra Modi, dem Regierungschef des indischen Bundesstaats Gujarat, der der Bharatiya Janata-Partei (BJP) angehört und bei den Wahlen im kommenden Jahr antreten möchte. Er wird mit Gewaltakten gegen Muslime, bei denen 2002 1.000 Menschen getötet wurden, in Verbindung gebracht. Hat er eine Chance auf das Amt des Premierministers? Was würde es für Ihr Anliegen bedeuten, wenn die BJP als nationalistische Hindupartei wieder an die Macht käme?

Ich bin mir nicht sicher, ob er eine Chance hat. Die Medien sehen ihn als Gewinner der Wahlen. Es herrscht ein ziemlicher Rummel. Betrachtet man seine Vergangenheit, wäre er sicherlich keine gute Wahl für uns. Für Minderheiten könnte es in der Tat sehr gefährlich werden, wenn die BJP wieder an der Macht wäre, auch innerhalb einer Regierungskoalition. Sie würden wieder damit anfangen, Stimmung gegen eine Konversion zum Christentum zu machen und die Christen beschuldigen, auf aggressive Weise zu missionieren, was eine völlig falsche Behauptung ist.

Die christliche Missionsarbeit wird fortgeführt, aber im verfassungsrechtlichen Rahmen. Wir haben die Freiheit, unseren Glauben zu bekennen und ihn zu verbreiten. Und die Menschen sind frei in der Wahl ihrer Religion. Der BJP würde es gefallen, eine Art von Psychose und öffentliche Paranoia dahingehend entstehen zu lassen, dass jede Konversion eine Zwangskonversion ist und den Behörden gemeldet werden muss. Zudem wären viele Medien auf der Seite hinduistischer Nationalisten.

Welche nächsten Schritte planen Sie und andere christliche (und muslimische) Führungspersönlichkeiten in Indien?

Wir versuchen, unsere Bemühungen in diesem ökumenischen Rahmen zu bündeln. Wir denken über unsere nächsten Schritte nach. Wir haben noch keine gemeinsame Strategie entwickelt. Die Bischofskonferenz arbeitet mit dem National Christian Council von Indien und dem Evangelical Fellowship zusammen, um die Menschen zu ermutigen, ihre Stimme Parteien mit weltlicher Prägung zu geben, die den säkularen Charakter unserer Verfassung aufrechterhalten. Dennoch sind wir nicht sicher, welche – wenn auch säkulare – Partei offen für die Anliegen christlicher (und muslimischer) Dalits eintreten würde. Der Kongress hatte alle Möglichkeiten, sich mit diesem Thema vor vielen Jahrzehnten zu befassen, als die Befürworter dort noch die absolute Mehrheit hatten, aber er hat die Zeit für dieses wichtige Thema vertrödelt und damit für Ungerechtigkeit gesorgt.

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