Pater Maccalli über seine Entführung

Niger

Der Afrikamissionar Pier Luigi Maccalli berichtet über seine zweijährige Gefangenschaft in Subsahara-Afrika. Der italienische Afrikamissionar Pater Pier Luigi Maccalli war über zwei Jahre in der Hand dschihadistischer Milizen. Im Oktober 2020 kam er zusammen mit anderen Geiseln frei. Er wurde von Niger in die Wüste Sahara bis nach Mali verschleppt. Pater Maccallis Schicksal steht für die zunehmende terroristische Gewalt in Subsahara-Afrika, die sich auch gegen Christen richtet.

Dennoch lässt der Missionar keinen Hass in seinem Herzen aufkommen, wie er im Gespräch mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ betont. Er fordert mehr Aufmerksamkeit für die Enttäuschung der jungen Bevölkerung der Sahelzone, die sich zunehmend radikalisiert.

KIRCHE IN NOT: Pater Maccalli, was waren Ihre Aufgaben, bevor Sie entführt wurden?

Pater Pier Luigi Maccalli: Ich war elf Jahre in Bomoanga im Südwesten von Niger tätig. Für mich geht die Verkündigung des Evangeliums immer Hand in Hand mit der Förderung der Menschen. Ich habe versucht, das auf drei Arten umzusetzen: erstens eine besondere Aufmerksamkeit für die Schulbildung, um den neuen Generationen eine Zukunft zu geben, zweitens: Einsatz für die Gesundheitsversorgung, weil es in Niger viele Epidemien gibt und die Kindersterblichkeit sehr hoch ist. Ein dritter Schwerpunkt ist die Ausbildung junger Menschen, vor allem im landwirtschaftlichen Bereich.

Wie sind Sie in die Gewalt der Islamisten geraten?

Es war am Abend des 17. September 2018. Ich wollte gerade schlafen gehen, da hörte ich plötzlich Geräusche vor dem Fenster. Ich dachte zuerst: Da stehen Menschen draußen und bitten um Medikamente. Also ging ich im Schein einer Taschenlampe hinaus. Da wurde ich auch schon von einer Gruppe von Leuten umzingelt. Sie haben mir die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Ich dachte erst, es sei ein bewaffneter Raubüberfall. Sie feuerten dreimal in die Luft und zogen mich mit sich. Außerhalb des Dorfes standen Motorräder. Die Angreifer haben mir die Augen verbunden und mich auf eines der Motorräder gesetzt. So begann diese lange Reise, von der ich nie gedacht hätte, dass sie länger als zwei Jahre dauern würde.

Welche islamistische Gruppe genau hat Sie entführt?

Zuerst waren es Fulani [radikale Angehörige des Nomndenvolks der Fulani; Anm. d. Red.]. Sie stammten jedoch nicht aus Niger, sondern aus dem benachbarten Burkina Faso. Diese Gruppe hat mich dann quer durch Burkina Faso bis nach Mali verschleppt. Dort wurde ich in die Hände einer anderen Gruppe übergeben. Sie nannte sich „malische Araber” und brachte mich in die Wüste Sahara. Im letzten Jahr meiner Gefangenschaft wurde ich erneut verlegt und von einer anderen Gruppe in Gewahrsam genommen. Sie firmieren unter dem Namen „Gruppe zur Unterstützung des Islams und der Muslime” (Dschamāʿat Nusrat al-Islām wa-l-Muslimīn), die unter der Ideologie von al-Qaida vereint sind.

Was wollten die Islamisten mit Ihrer Entführung erreichen?

Ich weiß es nicht. Sie wussten nicht, wer ich war und was ich gearbeitet habe. Ich glaube, das Einzige, was sie interessierte, war meine Hautfarbe. Die Sahelzone erlebt derzeit das Drama eines Krieges, der weit über ihre Grenzen hinausgeht. Seit dem Ende von Gaddafi in Libyen strömen Waffen und Söldner in die gesamte Region. Es handelt sich um wütende junge Rekruten. Sie werden mit einer Kalischnikow, einem Motorrad, einem Telefon und der folgenden Ideologie ausgestattet: „Geh und tu etwas Großes für Allah“. Das bringt so viel Terror und Leid hervor.

Wie sah ihr tägliches Leben in der Gefangenschaft aus?

Die ersten Monate waren sehr schwierig. Ich habe geweint, ich habe in meiner Verzweiflung zu Gott geschrien. Dann bat ich meine Entführer, mir etwas zum Schreiben zu geben. Schließlich gaben sie mir einige Blätter Papier, später ein kleines Notizbuch. Ich habe darin meine Erfahrungen und Gedanken aufgeschrieben.

Ich habe zwei Jahre lang immer auf dem Boden geschlafen, immer im Freien, vom Wind umweht. Ich habe gegessen, was sie mir gaben, und trank Wasser, das nach Benzin schmeckte. Was mich aber am meisten belastet hat: dass ich aus meiner Gemeinschaft und jeglichen Beziehung herausgerissen war und mit niemandem in Kontakt treten konnte.

Mein ständiger Begleiter war das Gebet. Ich habe mir einen kleinen Rosenkranz gemacht, den ich am Handgelenk trug. Darin bestand mein tägliches Gebet in der großen Stille, die ich in dieser großen Wüste erlebte.

Wie wurden Sie von den Entführern behandelt?

Am schwersten waren die Beleidigungen, die ich hinnehmen musste. Mehrere Wochen am Beginn und Ende meiner Gefangenschaft war ich mit Ketten gefesselt. Ich habe mir gesagt, dass zwar meine Füße angekettet sind, aber mein Herz ist es nicht. So wurde mein Herz frei. Ich konnte all die Menschen, die ich in meinem Herzen habe, im Gebet mit mir tragen. Das war vielleicht ein Geschenk, das ich durch dieses Leiden erhalten habe.

Wie sind Sie freigekommen?

Ich weiß, dass es lange und mühsame Verhandlungen gab. Aber die Details kenne ich nicht. Am 5. Oktober hörte ich: In der malischen Hauptstadt Bamako wurden Gefangene freigelassen und wir Geiseln freigekauft. Am nächsten Tag kam ein Auto. Sie verbanden uns die Augen und fuhren mit uns zwei Tage lang durch die Wüste. Am 8. Oktober wurden wir schließlich freigelassen.

Was ist aus Ihrer Sicht das beste Mittel gegen den Islamismus?

Wir brauchen ein großes lokales und internationales Engagement. Ich glaube, dass die Antwort auf Konflikte nicht in der Konfrontation liegt, sondern in der Begegnung und im Zuhören. Der erste Bischof von Niamey, der Hauptstadt von Niger, hat einmal zu seinen Mitarbeitern gesagt: „Die Pastoral, die ich von euch verlange, ist die ,Pastoral der Matte’. Setzen Sie sich zu den Menschen, lernen Sie die Sprache, hören Sie zu.” Wir brauchen diese „Mattenseelsorge”, die aus Dialog, Geduld und Zuhören besteht. Denn wenn wir die Wunde nicht heilen, wird sie immer weiter mit Gewalt bluten.

Welche Erfahrungen wollen Sie Ihren Mitmenschen vermitteln?

Beginnen wir damit, unsere Worte zu „entwaffnen”. Wenn ich mir heute Sport-, Politik- und Nachrichtensendungen ansehe, wird mir bewusst, wie viele aggressive Wörter wir verwenden. Wenn wir unsere Worte entwaffnen, vermeiden wir eine bewaffnete Reaktion der Hände, und vielleicht wird unser Herz dann Wege der Brüderlichkeit finden können.

Ich danke „Kirche in Not” und allen Unterstützern. Ich weiß, dass viele Menschen für meine Freilassung gebetet haben. Beten wir weiterhin für andere Geiseln, damit auch sie die Freude über die Rückkehr zu ihren Familien erleben können. 

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