Terrorgruppen in der Sahelzone

Sahelzone

„Die Ortschaften, in denen Christen und Muslime zusammenleben, sind die nächsten Ziele“. Der Islamforscher und wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität Aix-Marseille Olivier Hanne beschrieb 2015 das für ihn „wahrscheinlichste Szenario für die Sahelzone im Jahr 2020“. In seinem gemeinsam mit dem Ausbildungsoffizier Guillaume Larabi geschriebenen Buch „Djihad au Sahel“ (Dschihad in der Sahelzone) zog er eine Expansion der bewaffneten Terrorgruppen in der Sahelzone zulasten der Autorität der jeweiligen Staaten in Betracht. Die Voraussagen der beiden Autoren wurden durch die aktuellen Geschehnisse bestätigt. Thomas Oswald führte das Interview mit Guillaume Larabi für die weltweite katholische Hilfswerk Kirche in Not (ACN).

KIRCHE IN NOT: Weit davon entfernt, sich aus der Sahelzone zurückzuziehen, hat Frankreich stattdessen soeben die Entsendung von zusätzlichen 600 Männern zur Verstärkung der Operation Barkhane angekündigt. Sehen Sie einen Ausweg aus der Krise in der Sahelzone?

Die bewaffneten Terrorgruppen haben sich für eine lange Zeit eingenistet. Sie zwingen weiten Teilen der Sahelzone ihr Gesetz auf. Sie erzielen ein regelmäßiges Einkommen durch Erpressung der lokalen Bevölkerung, aber auch durch ihren Anteil an illegalen Geschäften. Sie kontrollieren die Transitgebiete der Migranten, die eine leichte Beute für Menschenhändler sind. Und sie profitieren vom Drogenhandel, von dem der Großteil über den Hafen von Lagos in Nigeria abgewickelt und im Verborgenen nach Europa gebracht wird. Kokain aus Südamerika reist quer durch die Sahara, oftmals in aufgeblasenen Reifen verborgen.

KIRCHE IN NOT: Ist das denn kein Widerspruch, wenn eine Gruppe mit religiösen Forderungen Rauschgifthandel betreibt?

Es stimmt, dass diese Gruppen ihr Image als rechtschaffene Gläubige pflegen, und meistens machen sie sich nicht selber die Hände mit den Drogen schmutzig. Sie überlassen das Gangstertruppen, von denen sie eine Steuer erheben. Bereits ab 2001 befand der ägyptische Salafist Abu Basir al-Tartusî, dass diese Praxis der islamischen Sozialabgabe „Zakat“ auf Schmuggelware im Einklang mit den Regeln des Dschihad steht. Das ist schiere Heuchelei. Von den Dschihadkriegern stammen viele selber aus dem Umfeld der organisierten Kriminalität. Im Allgemeinen gibt es keinen sehr logischen Diskurs unter den bewaffneten terroristischen Gruppen der Sahelzone, die behaupten, islamisch zu sein, beziehen sich selbst sogar auf das "Kalifat", also auf Daesh. Aber die nigerianische Armee beispielsweise hat festgestellt, dass die Gefangenen aus den Reihen der bewaffneten Terrorgruppen weder ihren Glauben ausüben, noch ihre täglichen Gebete sprechen.

KIRCHE IN NOT: Wie erklärt es sich, dass diese Terrorgruppen in den Gebieten, die sie kontrollieren, die Akzeptanz seitens eines Teils der Bevölkerung bekommen?

Die Gebiete, um die es geht, sind massiv benachteiligt und wurden von der staatlichen Verwaltung quasi aufgegeben. Bereits vor der Kolonialisierung handelte es sich um Orte, an denen die Wirtschaft auf illegalem Handel beruhte. Für die Menschen dort ist der Staat sehr weit entfernt, verfügt über keinerlei Legitimität und ist gleichbedeutend mit Korruption. Für die jungen Fulani oder die Tuareg ist es absolut klar, dass sie in einer Sackgasse stecken und keinerlei Perspektiven haben. Sie leben in extrem hierarchiebasierten Gesellschaften, die von religiösen Führern und Familienoberhäuptern beherrscht werden. Für diese Menschen ist der Dschihad ein Weg, sich zu emanzipieren. Es ist absolut auffällig, dass sie in den Gebieten, die unter ihre Kontrolle fallen, zuerst die Dorfvorsteher, die Ältesten, angreifen. Ich glaube, der Erfolg der bewaffneten Terrorgruppen erklärt sich größtenteils durch den Machtzuwachs dieser jungen Menschen, die Tatendrang und Kampfeslust verspüren. Deshalb ist insbesondere der sogenannte „Islamische Staat in der Größeren Sahara“ seit seiner Gründung im Jahr 2015 so erfolgreich. Er ist aktiver und aggressiver als andere Gruppen wie beispielsweise Al-Qaida im islamischen Maghreb.

KIRCHE IN NOT: Wie kommt es, dass diese bewaffneten Terrorgruppen, die jedoch nicht über besonders umfangreiche Mittel verfügen, vor Ort gegenüber regulären Armeen solche Erfolge erzielen?

Sie sind extrem mobil und brauchen keine umfangreichen Mittel. Sie greifen an und zerstreuen sich mit Leichtigkeit. Und sie profitieren insbesondere vom Zustand der Truppen, die ihnen gegenüberstehen! In Mali konnte ein Militärstützpunkt ungehindert von den Terroristen angegriffen werden, weil die Soldaten nicht Wache standen, obwohl das doch zu den Grundlagen der militärischen Ausbildung gehört. Wenn man nach 60 Jahren Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Mali diese Art von Verhalten sieht, kann man die Zukunft schon etwas pessimistisch betrachten. Zwischen den Soldaten und ihren Vorgesetzten herrscht ein Mangel an Vertrauen, der vor Ort katastrophale Konsequenzen hat. In Burkina Faso beginnt der Staat nun, Zivilisten zu bewaffnen, das ist sehr besorgniserregend. Die Erfahrung zeigt, dass das die sicherste Methode ist, um die Saat des Bürgerkrieges zu säen.

KIRCHE IN NOT: Wie wird sich die Situation nun weiterentwickeln?

Ich befürchte, dass sich in den nächsten fünf Jahren die Erweiterung des von den bewaffneten Terrorgruppen beherrschten Gebietes fortsetzt. Die Schmuggelaktivitäten werden besser organisiert sein und weiter zunehmen. Nachdem sie ihren Einfluss auf die muslimischen Regionen der Sahara ausgedehnt haben, werden nun die Ortschaften, an denen Christen und Muslime zusammenleben, zu den nächsten Zielen. In Burkina Faso und in Nigeria ist das Gleichgewicht, das bisher möglich war, nun in Gefahr. Und in den kommenden fünf Jahren werden die afrikanischen Staaten weiterhin die Unterstützung des Westens benötigen, um die Katastrophe zu verhindern. Ohne die Operation Barkhane wäre Mali bereits heute in zwei Teile gespalten, und der Versuch eines Staatsstreichs im Tschad 2013 hätte vielleicht gelingen können. Dies nährt die Propaganda der Dschihadisten, die mit den frankreichfeindlichen Ressentiments spielen; doch es gibt keine andere Lösung, eine weitere Verschärfung der Situation zu verhindern.

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